„The Girl From Ipanema“ ist wahrscheinlich der bekannteste Bossa Nova-Song. Nicht zuletzt durch die gleichnamige Netflix-Serie ist das Lied wieder in aller Munde gekommen. Vor allem der Mittelteil des Stücks ist ein Exkurs in der Rückung tonaler Zentren. Umso beeindruckender ist es, mit welcher Leichtigkeit Joao Gilberto seine Akkord-Voicings den komplexen Harmonien anpasst.

Im folgenden findet ihr eine Übersicht seiner Akkordgriffe. Es wird eine Vorerfahrung mit Basis-Vierklängen und Barré-Akkorden empfohlen. Auch wenn Joao Gilberto den Rhythmus stark variiert könnt ihr euch bei der Begleitung zunächst  am Standard Bossa-Nova-Rhythmus orientieren. Für fortgeschrittene empfiehlt sich auch der Partido-Alto-Rhythmus.

Hört euch die berühmte Aufnahme von „The Girl from Ipanema“ mit Stan Getz sowie Astrud & Joao Gilberto an!

Joao Gilberto - Seine Akkorde zu "The Girl From Ipanema"

Teil I - Tall and Tan and young and Lovely...

Im ersten Teil des Stücks reichen ihm vier Akkorde, um das Lied zu spielen. Für die Tonika Db nutzt er ein typisches 6/9-Voicing mit Quinte im Bass.

Auch bei der Doppeldominante Eb7 ist die Quinte fundamental, während die None im Sopran stilsicher für Farbe sorgt.  

Mit einer unnauffälligen Rückung des Zeigefingers wird die Terz verkleinert und wir sind bei der Subdominant-parallele Ebm9. 

Im Bass? Die Quinte.

Kurz vor der Rückkehr zur Tonika wird es nocheinmal spannend: Wie immer setzt sich die Dominante am beeindrucksten in Szene und liefert  mit der kleinen None und der Tredezime die buntesten Options-Töne. Die b9 dabei sogar im Bass. Spektakulär!

Teil II - Oh, but I Love her So Sadly!

Im zweiten Teil ändert sich die Tonart und der  harmonische Rhythmus zieht deutlich an. Es beginnt mit einer einfachem Umkehrung des DMaj7-Akkords.  

Dieser G7-Akkord ist ein gewöhnlicher Vierklang und wird als Barré gegriffen. Alternativ kann man hier auch einen offenen G-Akkord verwenden oder den Griff wie im untenstehenden Bb7-Akkord.

Es beginnt ein langer Teil von Rückungen. Dieser FMaj7/A ist strukturell identisch zu obenstehendem DMaj7/F#. Ein sehr schöner und nützlicher Griff.

Auch dieser Bb7 ist ähnlich zu dem G7-Akkord. Er steht außerdem in der gleichen Relation zu FMaj7 wie G7 zu DMaj7. 

Und noch ein weiterer Schritt hoch,  von FMaj7 zu GbMaj7.

Ein Prinzip wird erkennbar,…

…die Halbtonrückungen sind Teil der Dramatik (die unerwiderte Liebe…) des zweiten Teils und ein schlauer kompositorischer Kniff von Tom Jobim.

Die Akkordfolge mündet in einer jazz-typischen III-VI-II-V – Kadenz zurück in die Ursprungstonart Db-Dur. Fm7 ist der Akkord der dritten (geschrieben: „römisch III“) ) Stufe der Db-Dur Tonart.

Der Bb7-Akkord wird um eine sperrig-klingende #11 erweitert und reflektiert die Melodie an dieser Stelle. 

Der Ebm7-Akkord der II.Stufe in Db-Dur. Der Akkordgriff ist identisch zum vorangegangenen Fm-Akkord.

Der zweite Teil endet auf der Dominante der Ursprungstonart. Tom Jobim hat hier ein Meisterwerk der komplexen Akkordfolgen geschrieben!

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